Rufen Sie Taxi Hofer

Ihr Taxi kommt prompt.  Zumindest meistens.


3005 Bern
Schweiz

Ein Blog. Aus Liebe zu den Geschichten, die das Leben schreibt.

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Taxi Hofer | Ein Blog.

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Bernsteingelb das Bier

Susanne Daxelhoffer

Der Biergarten am Wiener Platz ist voller Menschen. Ein Kaleidoskop. Viereinhalb Familien haben zwei Tische zusammengeschoben. Sie wohnen im gleichen Block. Kastanienbäume statt Beton. Drei graue Vermesser hinter dem Mass. Eine einsam aussehende Frau, die schnell mit rosa Tinte schreibt. Vielleicht die Liebesgeschichte der beiden Geschäftsleute. Er hat nur Augen für ihr blattgrünes Kleid. Ihr Fuss wippt unter der Bank. Nach zwei Bier geht sie ab, sagt der Müller. Später kommen die Diskussionen. Spitz wie Glassplitter. Warum nicht wieder im Biergarten. Vielleicht auch friedlich. Tischdecke, Brotzeit und Lachfalten. Farbenvielfalt im Kaleidoskop. Bernsteingelb das Bier.

Image: Taxi Hofer

Image: Taxi Hofer



Lemonpeace

Susanne Daxelhoffer

Ave und ich gönnten uns ein Cordon Bleu, mit extra Zitroone, wie Ave sagt, mit mindestens drei Zitronen, wie Ave meint. Jedem sein Ding. Ich war sauer. Sauer auf alle, die es sich erlauben, sauer zu sein. Ich darf nie sauer sein, sagte ich zu Ave. Saure Taxifahrer kommen nicht gut an. Saure Fahrgäste auch nicht, aber denen ist das egal. Mir aber nicht. Denn da rüttelt man bei mir an der Karosserie. An meinem Fundament eben. Sie tragen Kravatte, meistens. Sind dick im Geschäft, aber dünn im Liefern. Und sauer. Wie haben es diese Leute bloss in die Teppichetage geschafft. Und wie zum Teufel sind sie dort geblieben. Beissen sich am Teppich fest, den Mund voller Fusel, den Blick verstaubt. Warum sie? Weil sie selbstsicher sind, sagte Ave. Gestehen sich keine Fehler ein. Genau das macht mich sauer, sagte ich, und spiesste mein Cordon Bleu auf. Der Käse quoll heraus. Ein paar Löcher sollte man in ihren Rumpf bohren, um sie vom Kurs abzubringen. Das hatte ich bloss gedacht. Ave schaute mich an. Du bist nicht Greenpeace, sagte sie, und presste die dritte Zitrone aus. Und es ist auch nicht erstrebenswert, fehlerlos durch das Leben zu gehen. Ave hatte recht. Ich schnappte mir die letzte Zitrone und drückte fest zu.

Image: Alex Carvalho

Image: Alex Carvalho



Tonträger der Menschlichkeit

Susanne Daxelhoffer

Himustärne, sagte Beat, als er sich zu mir ins Taxi schwang, zu später Stunde. Beat ist Disk Jockey, auf dem dritten oder vierten Bildungsweg, vielleicht auf dem fünften, Beat hat aufgehört, mitzuzählen. Den beat habe er im Blut, pflegt er zu sagen, und die IV regle den Rest. Nein, ein Sozialschmarotzer sei er nicht, die Anlage habe er sich hart zusammengespart, und schliesslich trete er dort auf, wo die Musik längst aufgehört hat zu spielen, oder gar nie erst gespielt hat, in traurigen Dämmerlöchern, bis in die Morgendämmerung, und schlecht bezahlt sei der Job auch. Ich konnte ihm nachfühlen. Himustärne. Beat schnaufte. Nur kurz auf der Toilette sei er gewesen, eine verwelkte Rose im Arm, auch er müsse mal, nur menschlich, ich nickte. Keine fünf Minuten habe das gedauert, dann sei er wieder parat gewesen für den Zauber, aber die verdammte Anlage weg. Verschwunden. Einer habe sie mitgenommen, sagte man ihm an der Bar. Gestohlen, schrie Beat, gestohlen. Tiefpunkt. Sein Vertrauen in die Menschheit war noch nie sonderlich gross gewesen, ausser in sich selbst, wie könnte er sonst überleben. Wutentbrannt sei er aus dem Laden galoppiert, da habe er ihn gesehen, auch galoppierend, die Anlage unter dem Arm. Durch die halbe Stadt habe er ihn gejagt, dem zeig ichs, und schliesslich eingeholt. Verdammt, das ist meine Anlage, meine Anlage, brüllte er, und riss dem Mann das Gerät aus der Hand. Fertig lustig mit Menschlichkeit. Ohne die Anlage wäre ich am Arsch gewesen, sagte Beat. Den grossen Töff hätte ich verkaufen müssen. Himustärne. Ich nickte. Halt vor dem Café Black. Ich wünschte dem Plattenleger gute Fahrt.

Image: Eric Huybrechts


Wahre Liebe

Susanne Daxelhoffer

Frau Jung hatte mich angerufen, aufgeregt klang sie, sie müsse einen Spitalbesuch machen. Jesses, Frau Jung, was ist denn passiert, fragte ich. Frau Jung zupfte das Papier der Rose zurecht, die sie behutsam auf ihren Schoss gelegt hatte. Immer dieses Alleinsein, das sei nicht lustig, sagte sie. Zum Jahresende habe sie sich gedacht, jetzt sei Schluss, end weder noch was machen aus dem Leben, oder sich end gültig verabschieden, aber von wem denn, also doch nicht. Da habe sie sich ein Herz gefasst und das Internet konsultiert, Seniores für Senioritas, die Liebe mache auch vor dem Alter nicht halt. Ich konnte sie verstehen. Seine blauen Augen seien ihr sofort aufgefallen, erzählte Frau Jung, und habe sie an Alain Delon erinnert, an den Geschmack Frankreichs, an Pferde, Parfum und Cognac. Eingeladen habe sie ihn, für Silvester, er sei pünktlich erschienen, mit einer Rose in der Hand, rosé wie der Wein und ihre Wangen. Man habe geplaudert, bis Mitternacht, und Austern geschlürft, schön sei es gewesen, und als die Glocken läuteten, habe sie seine Hand genommen, um ihn ins Schlafzimmer zu führen, die Treppe hoch. Gestolpert sei er, böse, den Wein in den Knochen, aber gleich wieder aufgestanden, ja, es gehe ihm gut, tout est en ordre. Dann hat er sie geküsst, die ganze Nacht lang, oder was davon übrig geblieben war. Im Morgengrauen verschwand er, versprach, sich zu melden. Das Telefon klingelte noch am gleichen Tag. Er sei im Spital, sagte Alain, doppelter Mittelfussbruch, eine komplizierte Angelegenheit, und langwierig. Frau Jung schaute mich an. Er hat mich die ganze Nacht geküsst, mit gebrochenem Fuss, sagte sie. Das muss wahre Liebe sein, sagte ich. Sie lächelte. Wie sehe ich aus? fragte sie. Ich lächelte.

Image: Traveller_40



Raclette

Susanne Daxelhoffer

Ave Angus hatte mich gebeten, den Staub und seine Frauen in die Stadt zu fahren, zum Raclette spachteln, in einer der Schnapsbuden am Waisenhausplatz. Hier hatte Dampf, mein überhitzter Taxikollege, erst kürzlich einen Krach provoziert, weil er sich weigerte, einen Fahrgast zu transportieren, der stank wie eine Eringer Kuh nach dem Schlusskampf. Dampf dagegen war sauer wie eine Essigzwiebel, e huere Chäs sei das Ganze. Bis in den Schweizerischen Nutzfahrzeugverband zog der Fall Fäden, und ist heute noch nicht verdaut. Faule Eier gibt es in jeder Branche, sagte der Staub, der mit gschwellter Brust auf dem Sitzpolster sass. Zum Raclette esse ich immer Fleisch, sagte Ave, und streckte ihre Nase aus dem Beifahrerfenster. Wer braucht schon Fleisch, meinte Monika. Bis vors Bundesgericht ist man gegangen, um das Raclette als Walliser Marke zu schützen, erklärte Corinne. AOP. Appellation d'origine protégée. Übersetzt: Reduit. Oder: Rahmstufe rot. Den Bauern wird das Leben manchmal ganz schön schwer gemacht, stellte Ursi fest. Cécile nickte. Genau, die sollten vielleicht mal abschalten, drei Tage Ballermann oder Oktoberfest, dann sind die Batterieren wieder voll. Und die Birne auch. In drei Tagen kann man sich unmöglich erholen, sagte der Staub. Brigitta blinzelte. Beim Raclette muss man immer den Wellensittich wegsperren, meinte sie. Der Vogel könnte an den freigesetzten Dämpfen sterben. Kein Witz. Wir erreichten den Waisenhausplatz. Raclette isch guet und git e gueti Lune, sagte der Staub und schwang sich aus dem Taxi. Sein Handtäschchen war an der Sicherheitsgürtelschnalle hängen geblieben. Zum Glück nur beinahe. Da ist das Portemonnaie drin, sagte Anita. Vier Scheiben Raclette pro Nase hatte der Staub berechnet. Die Schweiz ist halt nicht Asien. Eine gute Truppe, denke ich, und schaue ihnen nach. Mein Handy blinkt. Eine Nachricht vom Müller. Ich schmelze.

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